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Gedanken zur Schmutzkampagne gegen N.B, stellvertretend für Menschen mit HIV und AIDS.
N.B. wurde medienwirksam verhaftet, zwangsgeoutet und vorverurteilt.
Nachfolgend einige Gedanken und Fragen, die sich im Verlauf dieser traurigen Geschichte mir aufdrängten.
Als ich in den Medien von der Verhaftung von N.B. erfuhr, habe
ich die Meldung überflogen und als unwichtig erachtet. Ich dachte
keinen Moment daran, dass mich dies noch sehr persönlich betreffen
würde, geschweige denn, dass es mich in meiner Funktion als Präsidentin
von LHIVE betreffen musste!
Wenige Tage später bin ich erschrocken. Journalisten zitierten den
Mediensprecher der Staatsanwaltschaft Darmstadt, welcher Details der
ihr vorgeworfenen Anklagepunkte in der Öffentlichkeit äusserte:
„N.B. ist HIV-positiv und hat in mindestens drei Fällen ihre
Sexualpartner wissentlich dem Risiko einer HIV-Infektion ausgesetzt. In
einem Fall kam es zur Ansteckung. Das Ganze sei im Zeitraum von
2002-2006 geschehen, und da Gefahr im Verzug war, wurde sie inhaftiert.“
Ich dachte der redet sich um Kopf und Kragen. Aber nein, Schlagzeile
über Schlagzeile, immer und immer wieder wurde er zitiert, angereichert
mit weiteren Spekulationen und vermeintlichen Details aus N.B. s Leben.
Ein gefundenes Fressen…
Die Unschuldsvermutung schien plötzlich nicht mehr zu gelten,
Persönlichkeitsrechte und der Schutz von heiklen medizinischen Daten
entfallen? Argumentiert wurde mit öffentlichem Interesse und
Vorbildfunktion - und wie erwähnt mit Wiederholungsgefahr.
Es wäre zum Lachen gewesen, wenn es nicht so einschneidend tragisch für
den Menschen N.B. und für „uns“ Menschen mit HIV und AIDS wäre.Von wegen Gefahr im Verzug, was hier geschah war Zwangsouting,
zum Schutz der sogenannten Volksgesundheit. Später wurde übrigens
bekannt, dass die Staatsanwaltschaft die Krankenakte von N.B. hat
beschlagnahmen lassen. Dies alles obwohl noch nicht geklärt war ob N.B.
überhaupt HIV-positiv ist, in einem erst angelaufenes Verfahren, ohne
Beweise.
Ich dachte medizinische Daten seien besonders schützenswerte Daten? Ein
Sprecher der Staatsanwaltschaft hausiert einfach so mit nicht
verifizierten Daten einer Angeklagten und spielt sich als moralischer
Gesetzesvertreter in den Medien gross auf?
In der U-Haft wurde von N.B. von einer Ärztin und Vorstandsfrau des
Vereins der Aids-Aufklärung Deutschland besucht, die ihr Arztgeheimnis
und ihr Engagement mehr als fragwürdig auslegte, denn sie gab „der
Bild“ ein Interview und outete N.B. gleich nochmals.
Ein Abgeordneter sprach von Menschen mit HIV, als Biowaffen; übrigens noch nicht einmal einklagbar… einfach so, darf der das.Mein Glauben an das Rechtssystem hat schwer gelitten.
Vorverurteilung, Diskriminierung scheint zulässig, denn Menschen mit
HIV sind unmoralisch und deshalb Menschen zweiter Klasse.
Das Bild der gefährlichen kriminellen Menschen mit HIV, der
Unverantwortlichen, Schmuddligen war wieder hergestellt und wurde
regelrecht zelebriert.
Wer trägt eigentlich Verantwortung für soviel Unwissen und
Diskriminierung? Wem dienen diese Bilder? Was haben die Journalisten
und die Behörden und Aids-Hilfen in den letzten 25 Jahren verpasst an
Aufklärung, dass solches heute, 2009, möglich ist?
Nicht genug tauchte dann noch ein Anwalt auf, der sich ins Szene
setzte, und vom Medienype zu profitieren versuchte; Legt ein Mandat
nieder, dass er nie hatte. Unglaublich.
Ich musste handeln, so versuchte ich mich mit anderen HIV-
AktivistInnen kurz zu schliessen, mit der Frage was tun wir und wie?
Wie ohne N.B. zu schaden und immer die heikle Frage: „ schaden wir
„uns“ durch irgend ein Solidaritätsbezeugnis mit ihr“? Eine Frage die
mir Bauchschmerzen bereitete. Ich mag es nicht, wenn eigene Interessen
zu Ent-Solidarisierung führen.
In der Blogwelt herrschte unterdessen Stammtischstimmung.
Sehr unangenehm berührten mich die vielen Voten von Menschen mit HIV,
die sich distanzierten, N.B. vorverurteilten und sich als „gute,
unschuldige HIV-Positive“ präsentierten.
Verstehen kann ich solches nur im Kontext eigener Verletzungen, Stigma
und Selbst-Entwertung. Als Versuch sich zu rehabilitieren und als
Flucht nach vorne.
Viele Andere wiederum zeigten, wegen des Falles von N.B., um so mehr
Angst und Scham sich zu HIV und AIDS zu bekennen. Nicht nur virtuell,
sondern im realen Leben.
Persönlich hat mich die Schmutzkampagne gegen N.B. und Menschen mit HIV und AIDS getroffen.
Wir sind schmutzig, gefährlich, schuldig und kriminell. Unabhängig von
wissenschaftlichen und medizinischen Fakten; die Meinung ist gemacht.Mein unerschütterliche Glaube an die Möglichkeit Stigma und
Selbststigma zu begegnen und aufzulösen, ist schwer ins Wanken geraten.
Mich beschäftigten die Fragen: Wie können wir die Mechanismen
entkräften, die uns zu Menschen zweiter Klasse machen? Wird noch zu
meinen Lebzeiten HIV als eine Infektionskrankheit wahrgenommen, wie
andere auch?
Wohltuend war die deutliche Stellungnahme der Deutschen Aids
Hilfe gegen die Verhaftung und Vorverurteilung von N.B. und die
differenzierten und kritischen Meldungen in einigen Medien, die sich
schon länger zum Thema HIV mutig, informativ und konsequent äussern.
Besonders zu erwähnen sind die beiden Blogs: „ondamaris“ und „der
blidblog“.
Dies hat mich ermutigt in mitten dieser Hetzte gegen N.B und Menschen
mit HIV und AIDS in die Öffentlichkeit zu gehen und in der Sendung
„Stern TV“ von Günter Jauch aufzutreten.
Eine Möglichkeit die EKAF- Botschaft hinauszutragen, einen Kontrapunkt
zu setzen gegen Scham und Schuld: selbstbewusst HIV-positiv.
Leider ist es mir bisher nicht gelungen einen direkten Kontakt mit N.B. herzustellen, trotz vielen Versuchen.
Zehn Wochen nach ihrer Verhaftung sitzt sie selbst bei Günther
Jauch. „ Ja ich bin HIV-positiv. Nun kann mich keiner mehr erpressen.“,
sagt sie in ihrem ersten Interview und dass sie für ihr Recht kämpfen
werde. Zu den Vorwürfen kann sie sich nicht äussern, solange der
Rechtsfall nicht abgeschlossen ist. Sie hat ihre Situation als
Prominente, als Mensch und Mutter geschlidert und bestimmt damit auch
berührt.
Leider äusserte sie bis jetzt noch keinen Satz in „unsere Richtung“…
kein Wort auch über die Solidaritätsbekundungen von Menschen mit HIV
und AIDS, die sie erreichten seit ihrer Verhaftung. Schade.
Trotzdem hat sie rechtzeitig vor ihrem ersten Konzert nach der
Verhaftung die Berichterstattung über ihre Person wieder selbst in die
Hand genommen.
Nur, und das gilt für uns alle, wer hat wirklich Kontrolle über
seine heiklen Daten, über seine Antworten auf Fragen zur sexuellen
Gesundheit, Vorlieben, Compliance?
Wer weiss, was er wem anvertrauen kann? Und wieviel Einfluss können wir
nehmen auf das Bild, von Menschen mit HIV das durch die Journalisten
geprägt wird?
Wer bestimmt über sein Coming out wirklich selbst?
Warum sollten wir uns verstecken? Wegen Irrationalitäten, Unwissen und
dem brauchbaren Bild des gefährlichen Unverantwortungslosen, der Andere
abschrecken soll sich zu infizieren? Macht uns unsere Unsichtbarkeit
nicht zum Spielball? Was lassen wir uns gefallen und wie werden wir zu
Handelnden?
N.B. wurde zum Outing gezwungen, während fast zeitgleich in den
U.S.A ein Abgeordneter gewählt wurde, der offen schwul und HIV-positiv
ist. Die Schere geht auf. Wir können uns entscheiden.
N.B. hat als Prominente erfahren was ein Leben mit HIV bedeutet, was es
für Menschen mit HIV im Alltag bedeutet…ich wünsche mir, dass Menschen
mit HIV N.B. tragen können und viceversa.Inzwischen ist bekannt geworden, dass der Haftbefehl gegen N.B.
aufgehoben wurde.
Hoffen wir, dass das Verfahren eingestellt wird und
sich Mediensprecher der Staatsanwaltschaft Darmstadt und Journalisten
genauso öffentlich zu ihrem eigenen Fehlverhalten stehen. Michèle Meyer
.