Weltaidstag 2009 Frankfurt, Paulskirche. Redebeitrag von Michèle Meyer
Die Würde des Menschen
ist angetastet.
Wochenlang bin mit dem
Titel dieser Veranstaltung schwanger gegangen. Was ist Würde? Wie fühlt
sie sich an? Wo ist sie? Wer hat das Wort erfunden und warum tu
ich mich so schwer damit?
Über die Aufklärung
führte mein Weg ins alte Rom zu Cicero.
Ich kann nicht viel
anfangen mit bedingungsloser Menschenwürde, die doch dauernd mit Füssen
getreten wird. Auch wenn sie in den Menschenrechten und in der Verfassung
hochgehalten wird, stolpere ich immer wieder über die Lässigkeit mit der
sie mir und uns abgesprochen wird.
Ich bin überzeugt, dass
wir heute viel näher an Ciceros Würdebegriffen leben, als wir uns eingestehen.
Würde bekommt man und
Würde wird einem genommen. Das heisst: ich muss sie mir verdienen und ich
muss etwas tun, um sie nicht zu verlieren. Nur: ganz so einfach ist es
dann auch wieder nicht, denn ich bin nicht im Besitz von Würde, sie
wird mir nur verliehen und einfordern ist tabu.
Seit ein
gewisser Sigmund Ehrmann, SPD Abgeordneter und unter
anderem Mitglied der Kreissynode des evangelischen Kirchenkreises
Moers, mich resp. uns Menschen mit HIV/ AIDS als Biowaffe
bezeichnet hat, bin ich gar nicht mehr sicher, dass das alles in meiner Hand
liegt.
Welche Würde hat
eigentlich eine Biowaffe?
Ich bin also eine
Biowaffe. Vielleicht stimmt es ja und ich tue auch bloss so als wäre ich
Mensch. Immerhin kommt der Verdacht öfters auf nicht mehr ganz Mensch zu sein.
Sondern bloss HIV-positiv. Reduziert darauf ein Virenträger zu sein. Oder
wieder mit Cicero: der Gesellschaft nicht dienlich genug zu sein, um
überhaupt Würde zu verdienen.
Heute stellt Gesundheit
ein mechanisches Problem dar und Funktion ist das Ziel, nicht Würde.
„Wie haben sie sich
angesteckt“ fragt die Schulleiterin und in ihrem Tonfall lauert vulgäre Neugier
und die Lust mich zu entwerten. Sag ich jetzt: „Ich hatte Sex, mehr als genug
und ich hab’s genossen.“ wird sie vielleicht erröten, sich jedoch bestätigt
fühlen: „Die Frau ist ein Flittchen, wusst’ ich’s doch!“. Sag ich: “Mein erster
Mann ist an den Folgen von AIDS verstorben“, dann stockt ihr wohl kurz der Atem
und sie müsste schon sehr dreist sein, um weiterzufragen. Das wäre dann unter
ihrer Würde. Wahrscheinlich.
Aber welchen Platz in der
Gesellschaft haben wir denn, in Zeiten in denen Recht auf Gesundheit in aller
Munde ist, aber Recht auf Krankheit als Polemik abgetan wird?
Wenn Verantwortung, die
Schuldfrage meint, glaube ich nicht an Würde. New Public Health ist das Ziel.
Und ich bin ein Corpus delicti. Und kriminell. Noch immer mache ich mich strafbar...für etwas was nicht möglich ist.
Ein Exempel statuieren.
Immer wieder. Nadja Benaissa kam da gerade recht, krank sein und dann auch noch
erfolgreich sein wollen? Ein gefallener Engel fällt tiefer. Amt und
Würden. Wo denn? Eine Gefahr für die öffentliche Gesundheit, nichts anderes,
sei sie... schmutzig, schuldig, verrucht.
Andere mit Schmutz zu
bewerfen und zu entwürdigen, damit sind wir manchmal verdammt schnell.
Wer Schuld und Scheitern
verkörpert, hat in unserer Gesellschaft längst ausgespielt. Und alle
spielen mit. Auch ich. Auch ich habe Moral und Werte verinnerlicht wie alle anderen. Und
Selbstentwertung macht mich dann doch wieder interessant. Zumindest als
Klientin von Sozialarbeitern, Psychologen und Fürsorgern. Eine ganz Maschinerie
lebt gut davon!
Ich könnte mich fügen und
eventuell doch noch so was wie Würde erlangen, zumindest Mitleid und
Möglichkeiten der Rehabilitation. Eigentlich ist es ganz einfach:
„Gib dein Gesicht für
Prävention, als abschreckendes Beispiel, opfere dich selbst und du hast wieder
einen Platz mit etwas Würde unter uns Menschen. Hilf der Gesellschaft, schütze
sie vor dir und Deinesgleichen“; „ Verstecke dich, aber zeige dein Stigma, das
fördert die Spendengelder“... und als Zückerchen gibt’s das volle Programm:
Sonderstellung und x- Möglichkeiten sie für mich zu nutzen, Sekundärer
Krankheitsgewinn, zum Beispiel jede Menge Mitleid.
Ich kann verzichten auf
diese Ersatzwürde. Sie ist an Konditionen gebunden, die mir nicht schmecken.
Ich muss mich nämlich reduzieren lassen, verschämt, reuig, unauffällig und
vorbildlich der Gesellschaft zu dienen, die mir die Würde trotzdem abspricht.
Die an Bilder festhält, die längst überholt sind, falls sie je gegolten haben.
Die Sündenböcke braucht um sich Selbst zu rechtfertigen in ihrem Zwang nach
Normierung, ihrer Verkrüppelung zur funktionierenden Maschine, die Geld,
Erfolg und Unsterblichkeit ausspuckt.
Und solange
ich - in der Schweiz- selbst in der Aids-Arbeit nicht gewürdigt
werde, kann ich auch verzichten auf Kommissionssitzungen, Subventionen und
meine Stellung als Quoten-Positive. Ich gehöre ja nicht mal einer
Hochprävalenz-Gruppe an, wen will ich denn vertreten, heisst es immer
wieder.
Zudem: „Wer nicht Kondome
und Therapietreue predigt, hat nichts zu sagen.“ Was mir natürlich schwerfällt
und wohl auch nicht im Sinne des Erfinders von Selbsthilfe wäre... aber wen
interessiert Freiheit und Würde des Einzelnen, wenn Machbarkeit nach
Gleichschritt verlangt?
Ganz anders schwer drückt
manchmal die Würde, wenn nach wiederholter Medienpräsenz, das Telefon klingelt.
Wenn Menschen mit HIV und AIDS sich darüber beklagen, dass ich zu gesund
aussehe, dass ich zu wenig das Leiden betone und selbstbewusst Forderungen
stelle; Wenn mir meine Integration vorgeworfen wird.
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Die Würde des Menschen
ist angetastet.
Wie komme
ich eigentlich dazu, trotzdem an Würde festzuhalten?
Habe ich eine die
mir gehört und wenn ja, wie viel Fremdbewertung erträgt sie, meine
eigene Würde? Wie viel Demütigung und Reduktion? Kann ich sie
behüten, vor Diebstahl sichern und kann ich sie davon abhalten, sich
Selbst zu vergessen?
Wie kann ich sie wahren, wenn ein gelber Punkt
die Türe zu meinem Spitalzimmer ziert und vom Chefarzt bis zur Zugehfrau alle
vorgewarnt sind. Wie, wenn ich kurz nach der Geburt meiner Tochter, die
Sozialarbeiterin am Wochenbett stehen habe, die unauffällig meine
Mutterqualitäten zu prüfen versucht? Wie, wenn ich von meinen Nächsten
zielsicher und zutiefst verletzt werde, fremdgeoutet und ohne recht auf Abgrenzung.
Wenn alle Konflikte dahin gelenkt werden, dass ich HIV-positiv bin. Da sind die
Andern fein raus und ich stehe am Pranger. Würdelos.
Wie kann ich die Würde
leben lassen, wenn ich selbst denke mein Mann sei deshalb etwas besonderes,
weil er sich mit einer Positiven eingelassen hat?
Nur: was wissen die
Andern denn von meiner Würde? Und was weiss ich selbst? Woher kommt
diese Zielsicherheit, diese Überzeugung, ich hätte sie selber verspielt? Durch
kondomlosen Sex? Oder eher durch das Ver-fehlen.
Dieses ausserhalb-sein,
diese Entwürdigung ermöglicht Narrenfreiheit, manchmal. Was hat Abschaum
noch zu verlieren?
Ich brauche mich auch
nicht mehr zu tarnen oder so zu tun als gehöre ich wieder zu den Guten,
den Reuigen.
Was mich rettet ist
Widerstand. Widerstand gegen Fremdbewertung, übergestülpte Hilfe und Kontrolle
bis ins Schlafzimmer.
Ich muss stinkfrech den
Bildern trotzen, manchmal leise, manchmal laut.
Die passenden Schubladen
gibt’s nicht: ich bin integriert, ich bin aussortiert, ich habe keine Würde,
ich nehm sie mir.
Dieses Borstige,
Widerspenstige rettet mich. Und frei nach dem Lehrbuch gibt’s Empowerment nie
ohne Eigenwilligkeit. Wem sag ich das?
Und darum bin ich
gefährlich, Ich verführe dazu Fehler zu
machen.
Manche behaupten, ganz im
Schutz der Meinungsfreiheit, ich sei ein Massenmörder. Irre, hinterhältig
und brandgefährlich. Ganze Völker könnten mir folgen.
Dieses inszenierte
Entwerten tut weh, macht wütend, aber viel treffender und schmerzlicher ist die
Ohnmacht, das Gefühl eine Gesetzlose zu sein und der Schmerz nicht genug
bewegen zu können, obwohl die Welt in meinem Kopf Würde verlangt (der Satz gehört Barbara Starret)
( unter uns: mutig war
diese Kampagne von Regenbogen e.v. nicht. Weltbank( dieser Gedanke gehört dem Dirk) , Politiker,
Profit&Geiz, Ignoranz sind Massenmörder...
Oder: welche
Menschenwürde meinen wir, wenn wir nicht teilen was wir haben? Wieviel sind
denn Menschen in Afrika, Asien und Osteuropa wert?
Wieviel Würde ist noch
spürbar und wieviel Scham, wenn mir die Pillen im Hals stecken bleiben,
angesichts meiner Brüder und Schwestern weltweit...da macht Compliance Spass.
Und allem Unsichtbar
raten auf den Aids-Hilfen zum Trotz: ich steh dazu, ich bin ich und meinen
HIV-Status gibt’s nicht gesondert davon. Mir muss nicht geholfen werden
zum Preis der Fremdbestimmung.
Auch wenn es anstrengend
ist, sichtbar, fassbar zu sein; aber wer sagt denn das Anpassen nicht
anstrengend wäre.
Dauernde Selbstentwertung
macht krank, alt und an Lebensqualität bleibt da nicht mehr viel übrig. Von
Würde ganz zu schweigen.
Manchmal überrascht mich
das Leben. Zum Beispiel im Dorf wo ich lebe, dort hat Zivilcourage einen hohen Stellenwert und ich habe unverhofft
wieder Würde.
Vor wenigen Tagen kam
eine Nachbarin auf mich zu. Meine Töchter waren mit anderen Kindern bei ihr zum
Essen und spielen eingeladen gewesen. Sie berichtete mir lachend, dass Sofia,
die ältere der beiden, bei der Gelegenheit Aufklärungsarbeit geleistet hätte.
Sie lachte herzlich zwischen den Sätzen und erzählte wortgetreu, was meine
Tochter zu sagen wusste:“ „Mama ist oft im Fernsehen, weil sie ein Virus hat.
Aber sie schämt sich nicht, nicht so wie andere, darum wird sie gefilmt. Und
wisst Ihr wie man das Virus bekommen kann? Beim „Schätzele“, aber mein papa kann
sich nicht anstecken, Mamas nimmt Medikamente.“
Die
Selbstverständlichkeit dieser Rückmeldung hat mich sehr berührt.
Nein, ich schäme mich
nicht und draussen in der Welt, kann ich notfalls den einen Trick immer
anwenden: ich ziehe mir meine Clownnase an, immer dann wenn sich die innere
Würde zu vergessen droht, wenn sie meint der anderen,
längst verlorenen oder nie erreichten Würde nachrennen zu müssen.
Nicht zufällig habe ich
nach jahrelangen vergeblichen Versuchen, wieder auf den Arbeitsmarkt zu kommen,
mich entschieden Clown zu werden.
Der Clown lebt vom Spiel
mit den Tücken, er verkörpert die Kunst des Scheiterns und ist zutiefst
menschlich: er macht Fehler. Und Fehler. Er spielt und kümmert sich nicht
um Normierungen. Er hält dem Mensch den Spiegel hin und wird dafür liebevoll
mit Applaus und einem ehrlichen Lachen gewürdigt.
Dann schlage ich selbst dem alten Römer Cicero
einen Haken... und lächle in mich hinein - in Würde.
es gilt das gesprochene Wort
Und gemeinsam können wir etwas bewegen, wenn jeder einzelne für seine Würde aufsteht. Michèle Meyer 01.12.2009